Manfred Lütz: Mitleid und Toleranz sind christliche Erfindungen

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Manfred Lütz behauptet allen Ernstes, Mitleid und Toleranz seien christliche Erfindungen. Warum: Weil die Heiden kein Mitleid kannten und die Römer keine Toleranz. (ab Minute 1:40)

Quelle: hr-iNFO Das Thema vom 12.06.2017, „Was bedeutet Glauben ohne Kirche?“

Lütz‘ peinlicher Bullshit sollte für die Nachwelt dokumentiert und per Internet-Suche gut auffindbar sein, daher hier ein Transkript seines Gefasels:

 

00:00:00,000 –> 00:00:11,029 [Musik]

00:00:11,029 –> 00:00:54,334 — Frage —

“Zum Glauben brauch’ ich doch keine Kirche!” Es gibt eine ganze Menge Menschen, die so denken. Richtig statistisch erfassen kann man diese Gruppe natürlich nicht, aber es gibt viele Indizien, die diesen Eindruck stärken. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, gleichzeitig verkaufen sich esoterische Bücher wie geschnitten Brot. Immer mehr Menschen buchen für Trauungen oder Beerdigungen private Redner. Spirituelle Praktiken zur Entspannung und Gesundheit boomen, und sogar Pilgerreisen sind stark nachgefragt. Die Kirchen reagieren alarmiert auf einen Trend, der ganz offenbar an ihnen vorbeigeht. Über die Gründe und die Folgen habe ich gesprochen mit dem katholischen Theologen und Psychiater Dr. Manfred Lütz. Und ich habe ihn gefragt: Ich bin zwar religiös, aber zum Glauben brauche ich keine Kirche – Haben Sie eine Erklärung für diese Haltung?

00:00:54,334 –> 00:01:24,241 — Lütz —

Naja, diese Haltung ist einfach “in”. Also, es gibt ja immer so Mainstream-Haltungen. Das ist so ‘ne Mainstream-Haltung. Man will sich nichts sagen lassen, gerade in Glaubensfragen, das kann man auch verstehen. Früher gab’s ja die Regelung, dass der Landesfürst bestimmte, was man zu glauben hatte, was überhaupt schon ’n Skandal war, aber die Glaubensentscheidung ist ‘ne freie Entscheidung, das muss man mal sagen. Nur dieser ganze Esoterik-Trip hat das große Problem, das ist ja im Grunde so religiöser Egoismus. Da geht’s nur noch um’s eigene Ego, wie optimier’ ich mein Ego, und ich glaube, damit kommt man nicht wirklich durch die Krisensituationen seines Lebens.

00:01:24,241 –> 00:01:26,415 — Frage —

Passt das in unsere Gesellschaft?

00:01:26,415 –> 00:02:22,384 — Lütz —

Naja, da passt schon einerseits in unsere Gesellschaft, aber ich glaube, das ist auf Dauer der Ruin einer Gesellschaft. Also, wenn jeder nur für die eigenen Interessen kämpft und seinen Glauben sich selbst zusammenschnitzt, so dass er sich von anderen nicht stören lässt, dann ist das ein Problem. Zum Beispiel das Mitleid ist eine christliche Erfindung. Die Heiden hatten kein Mitleid, die haben Behinderte ausgesetzt und so weiter. Das Christentum hat das Mitleid eingeführt, die Toleranz ist ‘ne christliche Erfindung, also Menschen anderer Meinung zu tolerieren, das kannten die Römer so gar nicht. Und all diese Dinge gehen natürlich verloren, wenn die christliche Substanz sozusagen auch verloren geht. Und ich glaube zum Beispiel in der Flüchtlingskrise ist es wichtig, dass wir sozusagen ‘ne gewisse religiöse Substanz auch haben, dass man ‘ne gewisse Uneigennützigkeit hat, die auch Atheisten haben, das bestreit’ ich gar nicht. Aber auch Atheisten schöpfen da sozusagen aus ‘ner christlichen Tradition. Gregor Gysi hat mal gesagt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil da die Solidarität abhanden kommen könne.

00:02:22,384 –> 00:02:31,990 — Frage —

Aber ist es denn wirklich zwingend so, dass jemand der seinen eigenen Glauben hat, aber keiner Kirche angehört, dass der kein Mitleid empfindet und keine Toleranz kennt?

00:02:31,990 –> 00:03:00,372 — Lütz —

Nee, das ist ein völliges Missverständnis, nein, das natürlich nicht. Zwingend ist da sowieso überhaupt nichts. Und ich habe sehr viele atheistische Freunde, die außerordentlich sozial sind, und ich kenne auch Christen, die überhaupt völlig asozial sind. Das mein’ ich damit nicht. Ich meine nur, dass der Glaube in Gemeinschaft, wo man sozusagen nicht sein eigenes Ego nur pflegt, und sieht wie man die eigenen Glücksgefühle optimiert, dass es wichtig ist, dass man einen Glauben hat, der auch sozial wirkt. Und diese selbstgeschnitzten Glaubensformen sind, zumeist jedenfalls, asozial.

00:03:00,372 –> 00:03:16,776 — Frage —

Sie sagen, die Individualisierung hat was damit zu tun, dass es so ist, zur Zeit. Viele Menschen sagen aber auch, die Kirche gibt mir nichts, die hat mit meiner Lebenswirklichkeit nichts zu tun, und die Gottesdienste, das Angebot, das die Kirche mir macht, schon gar nicht. Also hat auch die Kirche da den Anschluss verpasst?

00:03:16,776 –> 00:04:16,449 — Lütz —

Ja gut, das ist auch das übliche, was man heute sagt. Die Kirche hat den Anschluss verpasst, die Kirche ist verstaubt und so. Das stimmt in einigen Teilen auch. Aber da ist die Frage, ob man jetzt nur mit so Klischees an die Kirche rangeht, oder ob man sich auf die Suche gibt, gibt’s da wirklich was? Meine Frau hat zum Beispiel bei uns im Dorf “Night Fever” begonnen, das heißt bei uns: Abend des Lichts, der Musik und des Gebets, das ist einfach ’n Gebetsabend, ja? Gebetsabend. Und da gibt’s kostenlose Pfannekuchen im Pfarrheim für die Kinder, und die Erwachsenen können Beten kommen in die Kirche. Da waren am ersten Abend, wo die das gemacht hat, 400 Leute in der Kirche, ja? Wir haben sonntags normalerweise nur 200. Aber die Leute wollen beten, ja? Die Leute haben Lebenskrisen, das Kind ist gestorben, die Ehe ist kaputt, man hat ‘ne Krebsdiagnose, wo soll man denn hingehen? Man möchte beten, und da geb’ ich zu, hat die Kirche manchmal noch zu wenig Sensibilität für, dass sie ihre eigenen Schätze zu wenig, sozusagen, den Leuten präsentiert. Wenn jemand nur ‘ne Messe besucht und sonst mit Glauben und Frömmigkeit und Gebet nichts zu tun hat, das hält auf Dauer nicht.

00:04:16,449 –> 00:04:22,849 — Frage —

Das heißt, Sie sagen aber, dass man im Grunde die großen Lebensfragen nicht ganz mit sich allein ausmachen kann.

00:04:22,849 –> 00:05:09,728 — Lütz —

Nee, das glaub’ ich wirklich. Also ich hab’ ja viel mit Patienten zu tun gehabt, die Krebs hatten und so weiter, die dann auch mit Esoterik zu tun hatten. Also Esoterik ist ganz schön für’n Urlaub, ja?  Also, wenn Sie so’n Fun-Leben haben und Sie haben Spaß am Leben und wollen irgendwelche bunten esoterischen Theorien haben, die also manchmal auch fast Verschwörungstheorien sind, dat ist ganz lustig, aber wenn’s wirklich hart auf hart geht, wenn Sie tatsächlich in einer in einer schweren Lebenskrise sind, dann hilft das in der Regel überhaupt nicht und die Leute sind manchmal, also, völlig verzweifelt und haben in ihrem Leben auch keine Substanz angesammelt, die dann wirklich tragen kann. Ich kenn’ die Geschichte von ‘nem RAF-Terroristen, der dann irgendwann im Sterben lag, und dem irgendwie das “Gegrüßet seist Du, Maria” noch eingefallen ist und so etwas, was er sich dann hat vorbeten lassen. Als uralte Dinge, die noch so in Erinnerung sind.

00:05:09,728 –> 00:05:15,326 — Frage —

Aber könnten in Lebenskrisen nicht überhaupt Gemeinschaften helfen? Muss es eine kirchliche Gemeinschaft sein?

00:05:15,326 –> 00:05:18,967 — Lütz —

Ja, kenn’ Sie ‘ne andere Gemeinschaft? Tennisclub?

00:05:18,967 –> 00:05:20,435 — Frage —

Vielleicht ’n Freundeskreis?

00:05:20,435 –> 00:05:59,259 — Lütz —

Naja, ’n Freundeskreis gilt auch für Christen, das ist ja klar! Aber erstens ist es mit den Freundeskreisen heute immer etwas schwieriger geworden, die Leute sind sehr beruflich eingespannt, das erleb’ ich auch immer wieder. Und häufig ist es so, wenn zum Beispiel bei Ehekrisen, Ehescheidungen oder so etwas, dann stehen die Partner, die sich nur auf sich selbst bezogen haben, völlig alleine da. Und haben Ihre alten Freunde alle verloren. Und die müssen das dann langsam Schritt für Schritt wieder aufbauen. Ich behaupte gar nicht, dass die Kirche die einzige Gemeinschaft ist, die trägt, das ist ja klar. Aber ich glaube, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das auch in Gemeinschaft lebt, und ich glaube auch, dass ein natürlicher Glaube sozusagen ein Glaube ist, der auch in Gemeinschaft gelebt wird, wo man sich selbst nicht immer gleich für den Größten hält.

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9 Antworten to “Manfred Lütz: Mitleid und Toleranz sind christliche Erfindungen”

  1. user unknown Says:

    Ich kenn’ die Geschichte von ‘nem RAF-Terroristen, der dann irgendwann im Sterben lag, und dem irgendwie das “Gegrüßet seist Du, Maria” noch eingefallen ist und so etwas, was er sich dann hat vorbeten lassen.

    Hat der auch einen Namen, oder hat sich den der Lutz nur ausgemalt, als Stellvertreter des Teufels auf Erden?

    Früher wurden solche Märchen über Krieger der französischen Revolution erzählt. Über Hitchens hat auch einer versucht ähnliche Legenden zu verbreiten. Einstein werden immer wieder Glaubensbekenntnisse in den Mund gelegt.

    Die scheinen eine irre Panik zu haben, dass jmd. den Nichtglauben ernst meinen könnte.

  2. Tony Says:

    Wenn man sich das komplett anhört möchte man sich ja noch mehr übergeben als beim Teaser dieses Memes.

    • Skydaddy Says:

      Tja, seit ich das gelesen und gehört habe, geht mir die Formulierung „Manfred Lütz: Katholischer Kotzbrpcken“ nicht mehr aus dem Kopf …

      • Tony Says:

        Bei seinem Geschwafel zur Esoterik möchte ich ihm aufs Maul hauen. Nicht dass ich an diesen Schwachsinn glaube, aber wieviele Scharlartarne ziehen mit Heilungsversprechen durch die Macht vion Jesus Christus durch die Welt? Das Selbe in grün nur halt mit dem vermeintlich seriöserem Testimonial.

  3. Fabian Hoemcke Says:

    Ich wollte es euch gerade als Schwachsinn der Woche für den nächsten Sendungsbeginn vorschlagen.

  4. Fabian Hoemcke Says:

    Lütz und sein Eggo. xD

  5. Thomas Friedrich Says:

    Manfred Lütz ist das Aushängeschild der katholischen Dummheit. Da kann selbst Matussek nicht mithalten.

    Wobei es auf eine Art auch beeindruckend ist, wie viel Bullshit dieser Mensch in fünf Minuten von sich geben kann. Zum Beispiel Toleranz als christliche Erfindung… Die Christen haben im 4. Jahrhundert die Ausübung jeder anderen Religion bei Todesstrafe verboten. Erst durch das Christentum ist das römische Reich in weltanschaulichen Fragen wirklich intolerant geworden. Vorher musste man sich schon extrem blöd anstellen, um Ziel von Verfolgung zu werden.

    Noch besser ist die implizite Unterstellung, dass Indianer, Schwarzafrikaner, Aborigines usw. kein Mitleid kannten, und erst von den christlichen Eroberern gelernt haben, was es damit auf sich hat.

  6. Noncredist Says:

    Lütz ist ja auch der Mann der allen ernstes glaubt, dass die Bibel nicht im „Rausch“ hätte geschrieben werden können, weil sie ja „so unglaublich“ war. Wie der gute Mann tatsächlich belegen kann, dass die Bibel unmöglich unter Drogeneinfluss hätte geschrieben werden können, weiss ich bis heute nicht 🙂

    Hier erzählt er auch nichts neues mehr. Alles abgestandener Kaffe. Mainstream-Eso-Glaubensvorstellungen sind deshalb gefährlich, weil sie in Krisensituationen „nichts bieten“. Ungläubige sind ja ganz nett, aber irgendwie doch „vom Christentum erzogen“ worden und deshalb eher im Bereich „versteckte Christen“ angesiedelt. Einen Glauben kann man laut Lütz nur dann „sozial“ besitzen, wenn man sich selbst nicht als das Höchste ansieht, sonder sich brav und christlich für andere Opfert.

    Das seine romantische Vorstellung eines Christentums nichts mit der Realität auf der Welt zu tun hat, und selbst der biblischen Darlegung, wie Jesus gelebt und gewirkt haben soll, aus dem Weg geht, ist dem Apologeten fremd. Da flüchtet sich der Psychologe Lütz in eine Scheinrealität, damit in seiner Fantasie zumindest die Regeln des Miteinanders nicht (von Christen) gebrochen werden. In der anderen Realität gibt es leider Christen, welche diese „Lütz-Regeln des Miteinanders“ tagtäglich brechen, welche unsozial handeln und der Kirche fern bleiben. Flüchtlinge werden „christlich korrekt“ *nicht* reingelassen, weil das egozentrische Geldverdienen (statt das Papiergeld mit den Bedürftigen Teilen) nunmal wichtiger ist.
    Aber solche Christen zu adressieren und in Angriff zu nehmen, ist nunmal eine weitaus größere Arbeit, als sich in seiner Fantasievorstellung zu flüchten 🙂

    Die ganzen Strohmänner und falschen Dichotomien, z.Bsp. über die Ignoranz einer soziokulturellen Entwicklung, des Altruismus‘ oder der simplen Empathie, nur damit man die eigene Religion als „die Religion des sozialen Miteinanders“ weiter verkaufen kann, brauch ich nicht gesondert zu erwähnen. Die stehen in seinem Interview sprichwörtlich Schwarz auf Weiss und für alle sichtbar 😉

    Lütz möchte auch, dass man das Klischee im Christentum ablegt und brav differenziert rangeht. Nur um die Nebelkerze zu schwenken und abzulenken, dass man gerade nur wenige Sätze zuvor sämlichen sozialen Handlungsformen ohne einer religiösen Geistervorstellung eine pauschale Abfuhr erteilt hat. Vollkommen ohne Substanz, dafür mit einer gehörigen Prise Vorurteil. Hier wollte Lütz nicht mehr das Differenzieren mit schönen Anektoden darlegen. Typisch.

    >> (…) aber wenn’s wirklich hart auf hart geht, (…)

    Das das Christentum mit dem Leid der Menschen erst an Bedeutung gewinnt, ist kein Geheimnis. Weshalb jedoch ausserhalb des „sozialen Christentums“ nichts mehr erwähnt wird, hat man hier leider nicht genauer beleuchtet.

    Leider ein Interview ohne besonderen Wert. Ausgenommen der eigenen Selbstdemontage von Herrn Lütz. Das hat er mal wieder gut hingekriegt. Kein Atheist hätte es besser machen können 🙂

  7. Mitleid und Toleranz als christliche Erfindungen | Religion und Gesellschaft Says:

    […] Beitrag bei Ketzerpodcast-Blog […]

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