Kein Austrittsvermerk, keine Chance: Kirche fordert vierstelligen Betrag

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Wenn es ein Thema gibt, das beweist, dass die Kirche nicht von sich aus auf etwas verzichtet – etwa aus Anständigkeit –, sondern nimmt, was sie kriegt, solange sie damit durchkommt, dann ist es die sogenannte „Rasterfahndung“ nach Getauften, die ihren Kirchenaustritt nicht belegen können und dann rückwirkend zur Kirchensteuer herangezogen werden. Jedenfalls in der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg.

Erst letztes Jahr hatten wir im Ketzerpodcast den Fall besprochen, bei dem ein zugezogener Franzose Kirchensteuer zahlen musste. Die Kirche hatte herausgefunden, dass er getauft war.

Dieses Jahr wurde bekannt, dass der italienische Bayern-München-Spieler Luca Toni 1,56 Millionen Euro Kirchensteuer nachzahlen musste. Der wusste offenbar (und verständlicherweise) gar nicht, dass er hier kirchensteuerpflichtig ist. Im Fall Luca Toni geht der Streit allerdings nicht um die Kirchensteuer an sich, sondern um die Frage, ob der Spieler die Kirchensteuer nun selbst bezahlen muss oder sein damaliger deutscher Verein.

Das Problem für getaufte Ausländer ist, dass sie in ihren Heimatländern gar keinen Kirchenaustritt erklären können, weil dieser eine deutsche Spezialität ist, die erst durch den staatlichen Kirchensteuereinzug erforderlich wird. Und durch den Umstand, dass der Staat die Taufe – auch im Ausland – als immerwährenden Grund für die Mitgliedschaft akzeptiert.

Aber auch für Deutsche ist diese Rasterfahndung ein Problem, insbesondere für ehemalige DDR-Bürger. Dort war ein Kirchenaustritt mangels Kirchensteuer nicht nötig, und wenn jemand doch austrat, gab es keinen Grund, die Austrittserklärung aufzubewahren. Das rächt sich jetzt, wo die ehemaligen DDR-Bürger nicht mehr in einem „Unrechtsstaat“, sondern im „Rechtsstaat“ leben …

Oh – außer natürlich, man heißt Matthias Platzeck und ist zufällig Ministerpräsident von Brandenburg.

Über einen aktuellen Fall berichtet Arik Platzek auf diesseits.de: Dabei geht es um eine 60-jährige Berlinerin, die einen vierstelligen Betrag nachzahlen soll.

Ich bin zwar getauft, hatte in meinem Leben aber keine weitere Beziehung zur Kirche. Im Frühjahr 1990 erklärte ich meinen Austritt aus der Kirche, weil ich mit dem Beitritt der DDR zur BRD auch für mich in dieser Angelegenheit klare Verhältnisse schaffen wollte. Im Februar 2015 nun erfolgte eine Anfrage der Kirchensteuerstelle. Mein erklärter Austritt wurde als nicht nachweisbar abgelehnt und das Finanzamt informiert. Vor diesem Zeitpunkt und von diesem Zeitpunkt an, gab es keinen Kontakt zur Kirche, keine Kommunikation, keinen Schriftwechsel, keine Anfrage, nichts.

Ich war daher sehr irritiert, im 60. Lebensjahr eine Anfrage dieser Art zu erhalten. Man machte mir klar: Falls ich den Austritt nicht beweisen kann und dieser nirgends festgestellt ist, dann liegt die Beweispflicht bei mir. Seitens der Kirche wird alles genauestens registriert. Kein Austrittsvermerk, keine Chance!

Weiterlesen auf diesseits.de.

Die Website kirchensteuern.de hat eine Liste mit Berichten über derartige Fälle von 2000 bis 2006. Auch der Humanistische Pressedienst (hpd) berichtet regelmäßig über die Rasterfahndung.

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