Kirche überlebt: Neues Buch von Kardinal Marx

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Vor ein paar Tagen ist ein neues Buch des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, des Erzbischofs von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx erschienen: Kirche überlebt.

Sowohl die Artikel auf merkur.de und katholisch.de als auch die Leseprobe lassen die üblichen, mit Pathos vorgetragenem hohlen Phrasen erwarten: ein entschiedenes „sowohl-als auch“, das unleugbare Probleme „klar benennt“, die Notwendigkeit von Reformen anerkennt – sich dann aber im Allgemeinen verliert und somit nichts Neues zur Diskussion beiträgt, außer vielleicht „Marx-Zitaten“.

Das zentrale Thema von Marx‘ Buch ist offenbar die Zukunft der Kirche angesichts stärker werdenden „Gegenwindes“.

Allerdings macht schon die kurze Leseprobe deutlich, dass Marx offenbar die Realität gar nicht richtig wahrnimmt:

Zunächst fällt auf, dass er die bekannte „Säkularisierungsthese“ – Religion und Moderne vertragen sich nicht, und dies geht zu Lasten der Religion – auf ganze vier (!) Aufzählungspunkte aufbläst, die alle mehr oder weniger dasselbe besagen:

Vor Jahrzehnten galt als ausgemacht:

  • Je moderner eine Gesellschaft ist, je weiter sie sich entwickelt, je fortschrittlicher sie wird, umso mehr wird das Thema Religion sich erledigen.
  • Kirche und Religion werden verschwinden wie der Schnee in der Sonne; und hier wirkt eben die Sonne der Aufklärung.
  • Religion und damit Kirche gehören einer älteren Stufe der Menschheitsentwicklung an, die ohne religiöse Deutungen und Erklärungsmuster nicht auszukommen schien.
  • In einer nächsten Stufe der Rationalisierung und wissenschaftlichen Forschung wird sich das Thema Religion erübrigen.

Nun meint Marx:

Wir alle wissen, dass wir eine ganz andere Entwicklung erlebt haben: Zwar stimmt es, dass in einer modernen und offenen Gesellschaft Gestalt und Gehalt von Religion sich verändern. Religion verschwindet aber nicht, auch die Kirche nicht. Sie verliert zwar vielleicht an Einfluss und Wirkmächtigkeit, aber religiöse Phänomene sind weiterhin außerordentlich virulent und präsent in der öffentlichen Debatte.

Nun, die evangelikale Nachrichtenagentur idea hat kürzlich eine Grafik veröffentlicht, die darstellt, welche Entwicklung sich (zumindest in Deutschland) in den letzten Jahrzehnten – seitdem also laut Marx die Säkularisierungsthese als „ausgemacht“ galt – abgespielt hat:

idea Kirchenstatistik

Im Internet fand ich folgendes Zitat:

The number of nonreligionists… throughout the 20th century has skyrocketed from 3.2 million in 1900… to 918 million in AD 2000… From a miniscule presence in 1900, a mere 0.2% of the globe, [atheism and agnosticism] are today expanding at the extraordinary rate of 8.5 million new converts each year, and are likely to reach one billion adherents soon. A large percentage of their members are the children, grandchildren or the great-great-grandchildren of persons who in their lifetimes were practicing Christians.

Und dieses Zitat ist offenbar von 2001 – also auch schon wieder 15 Jahre alt. Der „Neue Atheismus“ und die Auswirkungen des Internets sind darin noch gar nicht berücksichtigt.

Wenn Marx in Anbetracht dieser eindeutigen Daten lediglich darauf hinweisen kann, dass Religion und Kirche „nicht verschwunden seien“, dann ist das so, als ob man die Erderwärmung bestreiten würde mit dem Hinweis darauf, dass es ja immer noch Gletscher gäbe. Oder wie der unvergessene Karlheinz Deschner es formulierte: „Kein Elefant verfault an einem Tag.“ (Damit ist die Kirche gemeint, nicht Marx.)

Weiter schreibt Marx:

Der große Philosoph und Politiker André Malraux (1901– 1976) hat vor einigen Jahrzehnten schon prophezeit, dass das 21.Jahrhundert religiös sein wird oder nicht mehr sein wird. Und es ist wahr: Viele halten mittlerweile Religion für eine notwendige Voraussetzung für das Überleben der Menschheit und für ein gutes Miteinander in einer zusammenwachsenden Welt.

Das Zitat stammt offenbar noch aus der Zeit des kalten Krieges, als der „christliche Westen“ dem „gottlosen Osten“ gegenüberstand. Wer die heutigen Konflikte vor Augen hat, wird wohl eher zum umgekehrten Schluss kommen:

Das 21. Jahrhundert wird säkular sein, oder es wird nicht mehr sein.

So – wer jetzt immer noch nicht genug vom dicken Marx hat, der kann sich auf Phoenix noch ein einstündiges Interview mit ihm anschauen.

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2 Antworten to “Kirche überlebt: Neues Buch von Kardinal Marx”

  1. Noncredist Says:

    >> Das zentrale Thema von Marx’ Buch ist offenbar die Zukunft der Kirche angesichts stärker werdenden “Gegenwindes”. <<

    Welcher Gegenwind?
    Die "Traditionslinie " der *christlichen Kirche* wird angesichts der gelebten Realität einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft schlichtweg hinderlich für viele Menschen sein. Sie ist es ja heute schon! Die allermeisten Bürger UND Mitglieder dieser "Fels-in-der-Brandung" Kirchen haben den "Leitlinien" dieser Kirche längst abgesagt. Kondome? Wieso nicht! Abtreibung? Ist eine ernstzunehmende Möglichkeit. Beichten? Seit dem schulischem Religionsunterricht nie wieder gemacht und ist trotzdem noch gesund und munter.
    Es ist kein *anti-kirchlicher* Wind, der da weht, sondern nur eine Kirche, der sich nicht der Gesellschaft anpassen DARF, weil die Kernaussagen einer "mensch-zentralen" Gesellschaft u.a. auch Lust, Vergnügen und Selbstbestimmung beinhalten. Man legt sein Leben *nicht* in die Hände Gottes (exakter: in die Hände der Vertreter dieser Gottheit), sondern ist seines Schicksals eigener Schmied.

    Wird *Religion* verschwinden?
    Nein. In einer pluralistischen Gesellschaft werden wir Götteranbeter genauso weiterhin treffen, wie wir UFO-gläubige oder überzeugte Star Wars Kinogänger wiederfinden.
    Die Kirchen werden jedoch ihre Privilegien verlieren. Sie werden zu "Wohlfühloasen" werden – für die Anhänger der Jesus-Lehre oder für Kardinalsgläubige.
    Wer mit diesem spezifischen Lebensmodell nichts anzufangen weiss, der hat die Freiheit, eines der unzähligen weiteren Modellen zu probieren, oder sich auch selbst was angenehmes zu basteln. Solange man sich im Rahmen des Erlaubten bewegt – und dies wird demokratisch an den Menschenrechten festgelegt – hat man nichts gegen eine Vielfalt an "Lebensmöglichkeiten". Auch keinen "Gegenwind" gegen die katholische Möglichkeit.

    Die Allgemeingültigkeit der (jeweils richtigen, da eigenen) Religion wird fallen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche 😉

  2. Karlheinz Deschners “Die Politik der Päpste” (Teil 1) | Ketzer 2.0 Says:

    […] erscheint, dem sei Reinhard Kardinal Marx ans Herz gelegt. Er schreibt in seinem neuen Buch “Kirche überlebt” im Kapitel “Kirche und […]

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