Andreas Kemper: Bewegungen gegen Toleranz und Vielfalt

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Über Wolfgang Brosches Blog stieß ich auf folgende Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung:

Keimzelle der Nation – Teil 2
Wie sich in Europa Parteien und Bewegungen für konservative Familienwerte, gegen Toleranz und Vielfalt und gegen eine progressive Geschlechterpolitik radikalisieren.

Hier das Vorwort:

In Europa formiert sich gerade eine Bewegung für konservative Familienwerte, gegen Toleranz und Vielfalt und gegen eine progressive Geschlechterpolitik. Besonders in Stuttgart, aber auch in Köln, Leipzig, München und Hannover trugen 2014 Anhänger_innen traditioneller Familienwerte, fundamentalistische Christ_innen sowie alte und neue Rechte ihren Zorn gegen die Pläne der Landesregierungen auf die Straße, Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren in der Schule zu unterrichten. Sie mobilisierten tausende besorgte Eltern für ihren Protest.

Das Vorbild für die Proteste ist Frankreich, wo unter dem Motto „Demo für alle“ („La Manif Pour Tous“) mehrfach Hundertausende gegen Ehe und Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare auf die Straße gingen. Erschrockene Beobachter_innen sprachen vom „Erwachen des reaktionären Frankreichs“ (Le Monde) und von einer französischen Tea Party (Deutschlandfunk). Ebenfalls kein rein nationales Phänomen ist der „Marsch für das Leben“ der radikalen Abtreibungsgegner_innen, der Jahr für Jahr in Berlin stattfindet und immer mehr an Zulauf gewinnt. Die Europäische Bürgerinitiative „One of us“ – ein professionell agierender Zusammenschluss „zum Schutz des menschlichen Embryos“, der sein Anliegen geschickt mit der Angst vieler Bürger_innen vor Stammzellenforschung verknüpften – sammelte fast zwei Millionen Unterschriften für eine entsprechende Petition.

Die Initiativen haben – neben einem gewissen inhaltlichen Zusammenhang – weitere Gemeinsamkeiten: Es sind außerparlamentarische Bewegungen von rechts, die von dort den Deutungskampf um Begriffe wie Freiheit und Fortschritt eröffnet haben. Sie reklamieren für sich, für die „schweigende Mehrheit“ zu sprechen; sie inszenieren sich als unkonventionelle „Tabubrecher“ – gegen das politische „Establishment“ und gegen die „Denkverbote“ eines angeblich „linken Mainstreams“ („Anti-PC- Strategie“). Sie nutzen virtuos die sozialen Medien und sind in der Lage, Massenproteste zu simulieren – eine Strategie, die aus den USA übernommen wurde und „Astroturfing“ genannt wird (abgeleitet von „Astroturf“ = Kunstrasen).

Darüber hinaus sind diese Initiativen gegen das Recht auf Abtreibung, gegen „Gender“ und gegen die Rechte von gleichgeschlechtlichen Paaren längst nicht mehr nur im zivilgesellschaftlichen Bereich bzw. in Splitterparteien verankert, sondern stellen inzwischen eine kritische Masse an Abgeordneten im Europäischen Parlament. Die Wahl zum Europäischen Parlament im Mai 2014 stärkte die „Angstparteien“, also diejenigen, die an die Furcht der Bürger_innen appellieren: vor dem Euro, vor Zuwanderung, vor Kriminalität und vor dem Zerfall der traditionelle Familie. Zu diesen Parteien gehören die United Kingdom Independence Party (UKIP) und Marine Le Pens Front National genauso wie die Dänische Volkspartei (Dansk Folkeparti) und die Alternative für Deutschland (AfD), die mit sieben Abgeordneten ins Europäische Parlament eingezogen ist. Angetreten als „Anti-Euro-Partei“, schärfte sie in den Landtagswahlkämpfen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg ihr familien- und geschlechterpolitisches Profil. Was hinter der Anti-Euro-Fassade sichtbar wird, weist in die Vergangenheit und verändert die Landkarte der familien- und geschlechter- politischen Positionen in Deutschland.

Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung hat der Soziologe Andreas Kemper bereits vor der Wahl zum Europäischen Parlament die programmatische Verschiebung der AfD von der Anti-Euro-Partei zur Anti-Gender-Partei beschrieben („Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD“). Nun legt er mit der Studie „Keimzelle der Nation – Teil 2“ die Fortsetzung vor. Andreas Kemper beschreibt die konservativen geschlechter- und familienpolitischen Netzwerke und Bewegungen in der Europäischen Union, die Kontroversen im EU-Parlament, die Aktivitäten der AfD auf EU-Ebene und ihre familien- und geschlechterpolitischen Entwürfe für Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Kemper schildert eine Partei, die als gut vernetzte Kampagnenplattform fungiert und die trotz des reaktionären Dreiklangs aus Law and Order, Fremdenfeindlichkeit und 50-Jahre-Familienbild zweistellige Wahlergebnisse erhält. Er resümiert: „Das ‚Mut zu‘ der AfD ist eine Erkennungsformel für aggressive Rückwärtsgewandtheit!“

Christina Schildmann
Forum Politik und Gesellschaft

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Eine Antwort to “Andreas Kemper: Bewegungen gegen Toleranz und Vielfalt”

  1. user unknown Says:

    Das stößt die Tür zu einer großen Debatte auf.

    Was ist denn eine progressive Geschlechterpolitik? Ist es die Aufgabe des Staates Frauen und Mädchen für Fußball & Rugby zu begeistern und Jungen und Männer vom Fußball weg hin zu rhythmischer Sportgymnastik zu führen – oder sollen wir in Zukunft nur noch alle gemischt und gemeinsam dieses Eisstockschieben+Putzen praktizieren?

    Die Versuche Rollenbilder aufzubrechen sind m.E. grandios gescheitert und zwar weil die Mehrheit der Männer und Frauen sich als Männer bzw. Frauen profilieren wollen – was immer das heißt.

    Eine scharfe Grenze zu diesen ganzen rechten, und nicht zu Unrecht rückwärtsgewandten Strömungen sehe ich darin, dass diese Rollenbilder durchlässig sein müssen. Ich finde jede Frau, die kickboxen will, soll das auch tun. Und Männer die synchronschwimmen wollen sollen das auch tun. Aber es ist eine Entscheidung die in den Bereich des Individuums gehört. Die Freiheit des Einzelnen.

    Anthropologen haben auf der ganzen Welt unterschiedliche Rollenbilder gefunden. In der einen Stammeskultur müssen die Männer das Wasser holen gehen, weil sie stärker sind. In einer anderen müssen die Frauen das Wasser holen, weil Frauen selbst wie Gefäße sein. Was aber universell gefunden wurde war das Bedürfnis die Geschlechtsunterschiede zu betonen.

    Wieso es für die meisten Menschen so enorm wichtig ist, die Identität auch über das Geschlecht zu definieren, und beispielsweise über die Kleidung zu betonen, das scheint mir noch nicht hinreichend geklärt. Aber Fakt ist, dass wir eine große individuelle Freiheit in den nord-westlichen Kulturen haben, aber nur wenige Menschen zu einem Unisex-Outfit greifen.

    Die Erklärungen der Gendertheoretiker zur Berufs- und Studienwahl haben mich bis heute nicht überzeugt. Informatik etwa ist ein Beruf, bei dem es keine großen erkennbaren Vorteille für Männer geben sollte, wie dies etwa bei vielen Bauberufen der Fall ist. Sind es die vielen Überstunden, die Frauen abschrecken, die schwarz sehen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

    Die Quotenregelungen die immer häufiger angestrebt werden sehe ich als falschen Weg an. Es ist nicht Aufgabe der Gesellschaft 50% aller Berufe mit Männern und 50% mit Frauen zu besetzten. Aber wie gesagt: Der Zugang muss allen offen stehen, die es dahin drängt. Und es soll ruhig mehr getan werden, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.

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