HIRNFORSCHUNG: Wie frei ist der Mensch?

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Der Mensch ist ein biochemischer Automat, und Willensfreiheit reine Illusion? Das macht uns die moderne Neuroforschung scheinbar glauben. Doch dahinter steckt ein entscheidender Irrtum – behauptet „Neurophilosoph“ Eddy Nahmias auf spektrum.de.

Zwar finde ich seine Einwände im Hinblick auf die oft erwähnten Experimente nachvollziehbar, denen zufolge Entscheidungen schon vorhersagbar sein sollen, bevor wir sie treffen. Das würde allerdings nur bedeuten, dass sich die Determiniertheit der Entscheidungen dadurch nicht beweisen ließe. Nahmias scheint allerdings aktiv die These zu vertreten, DASS wir einen freien Willen haben. Wie man diese These belegen will, ist mir auch nach der Lektüre seinen Artikels nicht klar. Mir ist höchstens klarer geworden, dass es prinzipiell schwer sein dürfte, diese These überhaupt zu belegen. Denn wie will man beweisen, dass die Gedanken NICHT determiniert sind?

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7 Antworten to “HIRNFORSCHUNG: Wie frei ist der Mensch?”

  1. kereng Says:

    Ich habe seit einigen Jahren darauf verzichtet, Artikel über den freien Willen zu lesen. Vor allem die Befürworter definieren nicht, was damit gemeint ist, und merken nicht, dass sie an Jerry Coyne und Sam Harris vorbeireden.

    Eddy Nahmias untersucht erst im letzten Abschnitt, wie man sich Willensfreiheit vorstellen soll, aber nicht gründlich. Zitat:

    „Anscheinend fanden sie nicht, dass Jills Gehirn ihr etwas aufzwingt – und sie keinen freien Willen hat –, sondern dass der Hirnscanner einfach nachweist, wie der freie Wille im Gehirn arbeitet. Warum glauben die Willusionisten das Gegenteil?“

    Die Vorstellung, dass wir hier Jill haben und da ihr Gehirn, dass ihr etwas aufzwingen könnte, ist schon Dualismus. Deshalb stimmen „Willusionisten“ nicht zu. Es gibt keine Seele, die sich anders entscheiden könnte als die Moleküle des Gehirns.

    Vor jeder Diskussion sollte man sich verständigen, ob man mit „freier Wille“ das Gegenteil von „eingeschränkter Wille“ meint oder das Gegenteil von „determinierter Wille“.

    • Skydaddy Says:

      Guter Beitrag, vielen Dank.

      Ich glaube allerdings, dass ich nur ahne, was mit dem Unterschied zwischen „determiniertem Willen“ und „eingeschränktem Willen“ gemeint ist. Kannst Du das noch kurz erläutern oder auf eine Erklärung verlinken?

      • kereng Says:

        “eingeschränkter Wille”: Nicht jede Entscheidung ist möglich.
        “determinierter Wille”: Jede Entscheidung ist möglich, aber sie hängt vom Zustand des Systems ab.

        Damit ist wahrscheinlich immer noch nicht klar, was ich meine. Naturalistisch gesehen arbeitet das Gehirn mit Chemie und Physik, und wo nicht gerade Quanteneffekte auftreten, ist das alles deterministisch und vorhersehbar, also nicht frei. (Dass jetzt bloß keiner auf die Idee kommt, Willensfreiheit mit Quanten zu begründen!)

        Das andere Verständnis von Willensfreiheit kann ich nicht nachvollziehen, aber es scheint etwas mit Denkverboten, Einflussnahme von außen oder Selbstbeschränkung zu tun zu haben, bzw. mit deren Überwindung.

  2. Noncredist Says:

    Der Unterschied zwischen „determiniertem Wille“ und „eingeschränktem Wille“ erkläre ich mir dadurch, dass einerseits Entscheidungen gibt, welche zusätzlich noch abgewogen werden müssen. Man kann z.Bsp. die Antwort auf eine Frage schnell erdenken (= „Wieviel ist 2+2?“), ob sie „wie aus der Pistole geschossen“ ausgesprochen werden muss, ist eine zusätzliche Entscheidung. Sollte man sie nicht aussprechen, sondern schreiben? Ist dies vielleich eine Fangfrage?
    Ein determinierter Wille würde hier „4“ vorbringen. Ein eingeschränkter Wille „4, aber gibt es noch mehr?“.

    Der eingeschränkte Wille hat noch viele Ebenen zu durchqueren. Manche gehen schnell (= „Was ist eine 4? Wie sieht sie aus?“), und manche Ebenen verlangen mehr Input (= „Ist die Frage ernst gemeint? Ist sie nicht zu einfach?“). Zusätzliche Variablen führen womöglich zu anderen Resultaten als anfangs erwartet.

    Ein determinierter Wille ist hingegen vollkommen festgelegt. Man *muss* die „4“ aussprechen, man *muss* die Hand hochheben oder man *muss* als Torhüter zum Ball stürmen.

    Der „freie Wille“ im erstem Fall würde der Entscheidung entsprechen, die am Ende aller Abwägungen zwischen allen Ebenen der Erfahrungen steht.
    Beispiel: „Ist es eine Fangfrage?“, „Mir wird wohl nichts geschehen, wenn ich es laut ausspreche“. Nach Abwägung aller Gedanken wird erst das Bewusstsein informiert, welche als „letzte Instanz“ die Handlung vom Körper ausüben lässt, oder doch eher nicht 😉
    Dies ist in etwa auch das, was ich vermute.

    Wäre der Freie Wille das Gegenteil eines determinierten – also festgelegten – Willen, so hätten zusätzliche Abwägungen keinerlei Einfluss auf die Handlung „am Ende der Abwägungen“. Dies ist in meinen Augen viel zu kurz gegriffen.

    Natürlich haben wir „erlernte Antworten“, etwa die in der Mathematik, Reflexe und andere „in Fleisch und Blut übergegangene“ Erfahrungen. Dessen Abwägungen werden unterschiedlich schnell ausgeübt. Wir können „wie àus der Pistole geschossen“ Antworten oder sehr schnell beim Erschrecken reagieren. Beim Überlegen, wie ein Satz anzufangen hat, üben wir viel mehr Überlegungen und Abwägungen aus und verlangen somit vom Gehirn wesentlich mehr abzuwiegen und auszuführen.
    Der Wille, am Ende aller Überlegungen die Handlung auszuüben, ist in meinen Augen ein Resultat der Erfahrungen, der Anwiegungen und der letztenendes vorgestellten Resultates. Nicht alles, was man sich vorgenommen hat, wird auch am Ende ausgeübt. Z.Bsp., wenn „in letzter Sekunde“ das Resultat der Entscheidung negativ wäre, dann „will man nicht mehr“. Dies ist sicherlich keine 4 Sekunden vor der aktuellsten Beobachtung und Abwiegung bestimmt worden 🙂

    Man benötigt sicherlich keinen Dualismus. Der „Wille“ ist IMHO das bewusste Resultat aller Überlegungen und z.Bsp. der Abwiegung mit etwaigen erlernten moralischen und ethischen Konsequenzen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass unter bestimmten Bedingungen wie etwa Hypnose, Alkohol, Drogen oder Stress, einige Abwiegungen keine Gewichtung mehr erfahren. Im Stress einer Missbrauchs- oder Kriegssituation wird z.Bsp. der moralische Kompass verstellt und der Mensch übt „bewusst“ Handlungen aus, die er unter anderer Bedingung nicht täte. Anders ausgedrückt: der chemische Cocktail wird manchmal anders gemixt als im übrigem Alltag. Man wiegt den endgültigen Willen zur Handlung anders ab als sonst.

    Keine übergeordnete und unabhängig des Organismus agierende „Seeleninstanz“ konnte bei den Handlungen beobachtet werden und ist als Erklärung einer „willentlichen“ Entscheidung in einer solchen Stresssituation besser geeignet als die (un)bewusste Gewichtung anhand der erlernten Erfahrungen im Leben – die als biochemische Erinnerung aus unserem Körper abgerufen wird. Sehr analog zu einer Maschine.

    Ich bin letztenendes nicht davon überzeugt, dass wir einen „vollkommen freien“ Willen besitzen. Einen, der komplett ohne Einfluss äußerer Erfahrungen agiert. Stets wiegen wir ab, stets ziehen wir Schlüsse – auch Fehlschlüsse – mit in die Überlegung ein. Die Konsequenzen davon können nicht vorhergesehen werden und sind demnach nicht sicher determinierbar. Wir müssen also stets abwiegen, ob eine Entscheidung greift. Wir sind an unserem Gehirn, dem Körper und den äußeren Einflüssen gebunden – bei allen unseren (un)bewussten Entscheidungen. Sie sind die „endgültige“ Grenze, in denen der Wille maximal agieren kann.

  3. kereng Says:

    Es ist meiner Meinung nach für die Willensfreiheit völlig egal, ob Entscheidungen spontan ablaufen oder abgewogen, bewusst oder unbewusst, nüchtern oder unter Drogen.

    Ein Würfel als Veranschaulichung (die Zitate sind erfunden):

    Eddy Nahmias: „Da war keine Einschränkung, keine Wand, keine Hand, nur der Würfel und die Tischplatte, auf der er ganz frei rollen konnte. Allein dass jede Seite mehrfach oben war, zeigt doch schon, dass jedes andere Ergebnis hätte kommen können.“

    Jerry Coyne: „Der Würfel hat sich nicht frei entschieden. Aus dem Winkel und der Geschwindigkeit hätte man von Anfang an berechnen können, welche Zahl kommt.“

  4. Thomas Friedrich Says:

    Ich neige zum Kompatibilismus. Kausale Determiniertheit und Freiheit widersprechen m.E. sich nur scheinbar. Siehe hier unter Kompatibilismus:

    http://www.philosophieverstaendlich.de/freiheit

  5. deradmiral Says:

    Wer gegen Willensfreiheit argumentiert, macht sich unbewusst dümmer, da er gegen seinen freien Willen argumentiert. Das stärkt die Position der Gegner… (kleiner Scherz) Jetzt ernsthaft:

    Bevor man über Willensfreiheit diskutiert, empfiehlt sich eine passende Metapher. Ich empfehle die Bewegungsfreiheit und eine Ameise.

    Wenn ich eine Ameise auf eine Nadel stecke, dann kann sie sich nicht mehr bewegen. Stecke ich sie in einer Glasröhre, dann kann sie nur vorwärts oder rückwärts. Auf der Ebene ist ihre Bewegungsfreiheit uneingeschränkt (außer dass sie nicht fliegen kann oder durch die Platte durchkommt). Würde ich die Ameise als Gesamtsystem verstehen, so könnte ich die Bewegung der Ameise voraussagen. Diese Fähigkeit der Vorhersage ändert aber nichts an der Bewegungsfreiheit (an der Möglichkeit, dass sie sich überall hin bewegen könnte).

    Jetzt könnte man natürlich sagen, dass die Ameise gar keine Bewegungsfreiheit hat, da sie sich immer dahin bewegen muss, wohin sie sich bewegen wird, weil es der Ameisenmechanismus sagt.

    Das zeigt aber, dass das Problem der Bewegungsfreiheit kein echtes Problem ist, sondern nur ein Scheinproblem in der Definition der Bewegungsfreiheit.

    Und sobald mir jemand sagt, was er unter Bewegungsfreiheit (oder freien Willen) versteht, dann gebe ich ihm eine Antwort.

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